Rassismus einfach abschütteln?
Eine Bauchtänzerin erklärt…
Sa, 08. November 2025
"Im Leben geht es nicht darum,
darauf zu warten,
dass der Sturm vorüberzieht.
Es geht darum, zu lernen,
wie man im Regen tanzt."
– Vivian Greene
Warum sind einige von uns Deutschen in unseren Köpfen nur so starr und festgefahren wie die uns nachgesagten stocksteifen Hüften? Hier der Vorschlag einer Hobbybauchtänzerin zur gedanklichen Auflockerung.
Mehr als nur ein Hüftschwung
In letzter Zeit muss ich des Öfteren an eine Bewegung aus dem orientalischen Tanz denken, einer meiner Lieblingsbewegungen – der sogenannte „Shimmy“.
Hierfür benötigt man einen schulterbreiten Stand; die Knie sind leicht gebeugt. Dann bewegt man ein Knie nach dem anderen vor und zurück – ganz schnell, so als ob man Fahrrad fahren würde. Das Wichtige dabei: Hüften lockerlassen, Hintern entspannen!
Einfach loszulassen ist gar nicht so einfach wie viele denken. Wenn man aber erst mal den Dreh raushat, ist es wie beim Fahrradfahren – es funktioniert wie von selbst.
Eines kalten Dezembertages…
Eine Zeit lang habe ich jede Gelegenheit genutzt, um diese Tanzbewegung zu automatisieren und zu perfektionieren. So zum Beispiel beim Warten auf die Deutsche Bahn – in langem Mantel, an besonders kalten Tagen – wenn Außenstehende meist nichts anderes vermuten, als dass ich gerade am Frieren bin.
Eines kalten Dezembertages, als ich mal wieder wartend am Bahnhof stand, ertappte ich mich dabei, wie ich automatisch in den Shimmy-Modus schaltete. Währenddessen tönte jemand auf sein Handy starrend bekannte rassistische Parolen:
„Die Ausländer sind an allem Schuld! Diese Migranten passen nicht ins Stadtbild...“ – er polterte immer weiter und weiter drauf los wie eine nie enden wollende Reihe vorbeiratternder Waggons…. Dann blickte er von seinem Handybildschirm hoch und unterbrach sich kurz selbst: „Ist Ihnen kalt? Sie zittern so...“
Spätestens jetzt hätte ich eine Diskussion mit ihm anfangen können, antwortete stattdessen aber nur: „Der Zug kommt ja gleich…“ und distanzierte mich rasch von ihm und seiner hörbar rassistischen Reichweite.
Ob abschütteln oder tanzend distanzieren: Man sollte vorausschauend genug sein, diskursive Sackgassen zu erkennen, noch bevor man in einer feststeckt. Hier sendete mir das Echo wiederhallender Hass-Parolen schon vom Weiten ein deutliches Signal („Achtung, Zeitverschwendung!“). Dann doch lieber meine Energie in ewas Positives, wie das Tanzen und Schreiben, stecken.
Doch bei wem lohnt sich ein gedankliches Vordringen und Wachrütteln? Mit wem kann man Brücken der Verständigung und der Gemeinsamkeiten schlagen? Wo endet die Echokammer; wo beginnt das echte Gespräch?
Willkommen im Global Village
Eigentlich müsste man meinen, dass die Mehrheit der Menschen im Zeitalter der Globalisierung immer weltoffener wird. So wächst die Welt dank digitaler Echtzeit-Vernetzung immer mehr zu einem Global Village des 21. Jahrhunderts zusammen. Die Folge: Ein weltweiter dynamischer Austausch von Ideen, Kulturen und Sichtweisen – rund um die Uhr und auf Knopfdruck.
„Super!“, sollte man eigentlich meinen. Doch: Weil die von Algorithmen-gesteuerten Echo-Kammern das Nachhallen der eigenen Meinung auf Social Media befeuern, wächst die unnachgiebige Selbstbestätigung – nicht aber der flexible Horizont. So bleibt jeder im Worldwide Village paradoxerweise letztlich wieder unter sich und seinesgleichen.
Dann doch lieber vom Bildschirm gelegentlich hochschauen und der Realität ungefiltert ins Auge blicken:
Deutschland ist bereits ein Einwanderungsland. An dieser Tatsache lässt sich auch nichts ändern – lediglich daran, wie wir's betrachten und damit umgehen.
Dabei können wir entweder Hass-erfüllt drauflospoltern oder Deutschlands ethnischen Flickenteppich – bestehend aus rund ein Drittel verschiedener kultureller Stränge – als eine Bereicherung wahrnehmen. Denn ist es nicht letztlich diese bunte Vielfalt, die uns vor einem monochromen Dorf bewahrt, indem alle die gleichen Nasen, Namen und Narrative haben?
Daher meine Empfehlung an einige von uns: Mal mit anderen Kulturen vertraut machen, die deutsche Hüften lockern und das Herz tanzen lassen – dann klappts auch mit dem Shimmy. 😉
Hast du auch einen Vorschlag dafür, wie man mit rassisstischen Ressentiments im Alltag umgehen kann? Oder eine Empfehlung an einige von uns, wie man seine Haltung ändern kann? Schreib mir doch, ich bin gespannt auf deine Sichtweise!
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meinen persönlichen Eindrücken und Erfahrungen. Dabei habe ich mich von Lin Hierses Artikel Taiji gegen Rassismus - Ein Affenkampf inspierien lassen (unbedingt mal lesen!). Bei der Begegnung am Bahnhof handelt sich um ein realitätsnahes fiktives Beispiel. Der Artikel wurde bewusst kurz gehalten und der Fokus auf nur wenige Aspekte gelegt. Mir ist jedoch bewusst, dass das Thema deutlich komplexer und vielschichtiger ist.
3D-Vielfalt vs. 1D-Sichtweise
Sa, 02. August 2025
"Wir sehen die Welt nicht,
so wie sie ist, sondern
so wie wir sind."
– Anais Nin
Vielfalt beginnt zu Hause
In vielen deutschen Familien treffen mehrere Kulturen aufeinander: Ein Elternteil bringt eine andere Herkunft mit, Halbgeschwister stammen aus unterschiedlichen Verbindungen, oder die Großmutter – mit Akzent, anderer Hautfarbe und köstlicher Küche – bereichert liebevoll das familiäre Miteinander.
„Etwa ein Drittel der Menschen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund.“
(Bundeszentrale für politische Bildung)
Familie kennt keine Hautfarbe
Ich wuchs mit einer Schwester und mehreren Halbgeschwistern auf – als einziges Kind mit “exotischem“ Aussehen. Thema war das aber nie. Ich fühlte mich selbstverständlich zugehörig; wir teilten als Kinder Interessen, Sichtweisen und (gelegentlich) auch das letzte Stück Kuchen ;)
Wenn die Außenwelt anders spiegelt
Doch je älter ich wurde, desto mehr merkte ich: Draußen gelten andere Regeln. Das vertraute Selbstbild stößt auf verzerrte Fremdbilder. Fragen wie „Woher kommst du wirklich?“ oder „Du sprichst aber gutes Deutsch!“ sind wie ein Andy-Warhol-Druck meines nicht "typisch deutschen" Gesichts – gesellschaftlich reproduziert, stilisiert, aber nie wirklich ich.
Schönheitsideale vs. Kulturelles Erbe
Wollte ich deshalb je anders aussehen? Als Kind träumte ich davon, wie meine Serien‑Heldinnen sein: blond, blauäugig mit Haut wie Porzellan. Der Sailor-Moon-Traum ist zum Glück längst ausgeträumt. Stattdessen möchte ich heute lieber mehr über das erfahren, was längst in mir ist – die Wurzeln meines kulturellen Erbes ♡
Per Abkürzung direkt ins Fettnäpfchen
Nehme ich den Fragenden ihre Fauxpas übel? Nicht immer. Oft ist es keine böse Absicht, sondern ein Reflex, das Alltagschaos mithilfe mentaler Abkürzungen schnell und einfach ordnen zu wollen. Stereotypen und Generalisierungen greifen jedoch zu kurz. Sie verhindern echte Begegnungen und ein aufrichtiges Aufeinanderzugehen.
Darum lohnt es sich für alle – auch für mich, die gelegentlich ins Fettnäpfchen tritt:
Bei einer Erstbegegnung einem die Chance zu geben, die Person wirklich zum ersten Mal kennenzulernen – und nicht gleich zu denken: Ach, solche Leute kenne ich doch. Die sind so und so …
Begegnen wir unseren Mitmenschen ein Stück weit wie mit Kinderaugen – noch frei von Stereotypen und Generalisierungen – offen, neugierig und unvoreingenommen.
Hast du oder jemand in deiner Familie einen anderen kulturellen Hintergrund? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Schreib mir gerne eine Nachricht!
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meinen persönlichen Eindrücken und Erfahrungen. Es ist nicht meine Absicht, zu bewerten oder zu belehren, sondern lediglich meine eigene Perspektive zu teilen. Der Artikel wurde bewusst kurz gehalten und der Fokus auf nur wenige Aspekte gelegt. Mir ist jedoch bewusst, dass das Thema deutlich komplexer und vielschichtiger ist.
Exotische Hobbys – Tor zu einer fremden Welt
Sa., 7. Juni 2025
Bauchtanz, Samba, Manga… fast jeder kennt diese "etwas speziellere" Freundin, die begeistert von einem ungewöhnlichen Hobby aus einer anderen Ecke der Welt schwärmt.
Warum nicht einfach joggen oder ins Fitnessstudio? Es ist ja schließlich nur eine Freizeitaktivität wie alle anderen auch – nur eben, dass nicht alle anderen es machen.
Doch was, wenn sich hinter dem Stereotyp eines solchen Hobbys - wie bei einer unscheinbaren Tür - weit mehr verbirgt, als man zunächst vermutet?
Ich kann es dir verraten, denn ich bin diese Freundin, die "etwas aus der Reihe tanzt". Und zugegeben: Anfangs dachte ich mir auch nicht viel bei meiner Freizeitaktivität, dem orientalischen Tanz.
Mich lockten die sinnlichen Bewegungen, die farbenfrohen Hüfttücher – und die Tatsache, dass es direkt in der Nähe einen Kurs gab. Ein tieferes Verständnis hatte ich zu Beginn noch nicht.
So wie mein Körper sich jedoch an die einzelnen Tanzbewegungen mit der Zeit gewöhnte, genauso wurde mir auch die Kultur des Tanzes immer vertrauter...
... und eh ich mich versah, tauchte ich eines Tages tanzend in die magisch-glitzernde, facettenreiche Welt des Orients ein:
Samia Gamal, die ich auf YouTube in internationalen Filmstreifen wie Ali Baba bewunderte, wurde beispielsweise zu einer meiner Lieblingstänzerinnen, während Oum Kalthoum, die größte Sängerin der arabischen Welt, mir mit ihrer Musik den „Tarab“ - ein Moment völliger musikalischer Hingabe - näher brachte.
Tanz, Film, Musik... Ein Mosaikstein nach dem anderen ergab sich mir ein größeres Bild des orientalischen Tanzes, welches ich in seiner Gesamtheit lieben lernte.
Dann geschah etwas Unerwartetes:
Die positiven Erfahrungen aus dem Tanz wirkten in meinen Alltag hinein. Durch die tänzeriche Annäherung an die arabische Kultur verloren vermeintliche „Andere“ immer mehr ihre Fremdheit. Es entstanden Begegnungen, die meinen Blick für Vielfalt schärften und gelegentlich sogar in Freundschaften mündeten.
Manche wiederum gingen – getrieben von der Leidenschaft für ihr Hobby – sogar noch weiter: Eine US-Bauchtänzerin zog beispielsweise nach Ägypten, lernte Arabisch und fand dort ihre große Liebe. Eine Manga-Begeisterte aus einem kleinen Dorf studierte Sinologie, wurde Dolmetscherin und arbeitet nun für eine internationale Organisation.
Exotische Hobbys können der Schlüssel zu einer fremden Welt sein, zu der viele nur schwer Zugang finden. Dabei bergen sie ein transformatives Potenzial – nicht nur in Bezug auf einen selbst, sondern auch auf das soziale Umfeld:
Sie tragen dazu bei, Ängste und Vorurteile gegenüber dem „Fremden“ abzubauen, erweitern den kulturellen Horizont und erleichtern das Erlernen schwieriger Sprachen. So sind sie letztlich nicht nur ein Tor, sondern auch eine Brücke der interkulturellen Annäherung in einer Gesellschaft der Vielfalt.
Hast du selbst ein solches Hobby – oder kennst du jemanden, der eines hat? Wie begegnest du solchen Interessen: mit Gleichgültigkeit, Ablehnung oder Neugier?
Lass es mich gerne wissen.
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meinen persönlichen Eindrücken und Erfahrungen. Es ist nicht meine Absicht, zu bewerten oder zu belehren, sondern lediglich meine eigene Perspektive zu teilen. Der Artikel wurde bewusst kurz gehalten und der Fokus auf nur wenige Aspekte gelegt. Mir ist jedoch bewusst, dass das Thema deutlich komplexer ist und weitere Aspekte zu berücksichtigen sind.